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01.07.2017: 11. Thüringen-Ultra Fröttstädt

Von weichen Knien und harten Knochen

Wer den 73,5 Kilometer langen Rennsteiglauf geschafft hat, der hält vielleicht auch die 100 Kilometer beim Thüringen Ultra durch? So keimten erste Gedanken bei Jens-Uwe und Sabine Börner von der Gaensefurther Sportbewegung, die nach Gesprächen mit erfahrenen Ultraläufern im großen Festzelt von Schmiedefeld immer mehr Gestalt annahmen. Um auch die letzten Zweifel bei der Gattin auszuräumen, schien die Idee einer Staffel, in der jeder nur die Hälfte läuft und den Rest mit dem Fahrrad absolviert, als ausgemachter Deal. Ganze sechs lange Wochen lagen zwischen den beiden Events, so dass der eine oder andere Marathon noch als Trainingseinheit herhalten musste. Beide Bode-Runners waren also gut auf die Herausforderung eingestellt. Auch Juliane Meyer, zweifache Siegerin des Leipzig Marathon und ehemaliger Bode-Runner, war zusammen mit Elke Musial in den Starterlisten zu finden. Sie wollten ebenfalls die Kombination aus Lauf und Fahrrad angehen, zumal die Streckenlänge für Meyer das erste Mal über die Marathondistanz hinausging. Musial hält bislang den Streckenrekord bei den Frauen, denn bereits zwei Mal hatte sie die 100 Kilometer des Thüringen Ultra erfolgreich beendet. Der Siegerzeit von 09:26 Stunden kam bisher keine Frau wirklich nahe.

Bereits am Vorabend bezog man Quartier auf der Wiese direkt am Start. Auf der großen Informationstafel folgten die Augen etwas ungläubig der gekennzeichneten 100-Kilometer-Runde durch den Thüringer Wald. Steffi Reich vom Blau Weiß Hettstedt winkte ab: „Das wird halb so schlimm Bienchen, deine 54 Kilometer laufen sich ganz gut. Nur die sieben Kilometer Asphalt, kurz vor dem Wechsel, werden dir ewig vorkommen – das zieht sich dann nochmal.“ Ja gut, vor dem Laufen hatte Börner keine Angst. Das Radfahren war dann wohl eher die unbekannte Größe. „Kein Problem!“ wirft der erfahrene Radbegleiter Walter Büchner in die Runde: „Die wirklich krassen Anstiege schieben wir und wenn es ganz hart auf hart kommt, fahren wir auf der Straße eine Abkürzung.“ Schieben, Abkürzung? Das kommt ja gar nicht in die Tüte - denkt sich Börner und schaut verwegen auf die vielen Hightech-Räder, denen der eigene Drahtesel wohl kaum das Wasser reichen konnte. Nachdem alle Startvorbereitungen abgeschlossen waren, ging es frühzeitig in die Federn, denn um 3:00 Uhr wollte der Wecker gedrückt werden…

3:00 Uhr: Eine wirklich unschöne Weckzeit. Während Jens-Uwe gleich noch tiefer in seinem Federbett verschwand, begann Sabine mit einer leichten Fußgymnastik. Der Problemzeh war bereits getaped und eigentlich wäre ein Vorher-Nachher-Bild für die Chronik angebracht gewesen. Aber es gab Wichtigeres zu tun. Der leise Gang über den verschlafenen Zeltplatz endete abrupt am großen Verpflegungszelt. Am Frühstücksbuffet herrschte hektisches Gewimmel. Sabine löffelte ihr angerührtes Müsli vom Vorabend und beobachtete die Vorbereitungen der Ultraläufer genau. Trinkrucksack, Startnummer und bloß nicht den Transponder für die Zeitmessung vergessen! Die Männer halfen sich mit Brustwarzenpflastern aus und alle anderen wichtigen Stellen wurden mit reichlich Melkfett bedacht. Wer hier startete, wollte möglichst auf alles vorbereitet sein. Kurz vor 4:00 Uhr hatte es dann auch Jens-Uwe an den Start geschafft. Wie aufgedreht schoss er ein Foto nach dem anderen.

4:00 Uhr: Start der Ultraläufer! Von den 254 Teilnehmern werden am Ende 22 Läufer die 100 Kilometer entfernte Ziellinie nicht erreichen. Hinter den aufgestellten Fackeln verschwanden die Letzten langsam in der Dunkelheit. Sabine stand wie angewurzelt und schaute dem Tross heulend hinterher. Zu ergreifend, zu wenig Schlaf, zu viel Aufregung in den letzten Tagen brachen jetzt einfach so aus ihr heraus. Ein Schulterschlag der Freunde musste reichen, denn jetzt war jeder mit sich selbst beschäftigt.

5:00 Uhr: Mit dem Startschuss der Staffelläufer legte sich dann auch die Aufregung. Als Erwärmung durften die ersten vier Kilometer im flachen Terrain absolviert werden, die beeindruckenden Berge grüßten bereits aus der Ferne. Ruhig rollten die Räder neben den Läufern über Asphalt und mit Laucha war auch bald die A4 unterquert. „Dreh dich mal!“, ordnete Jens-Uwe an und sogleich zauberte der Sonnenaufgang ein breites Grinsen in Sabines Gesicht. „Hast du Juliane noch gesehen?“ erkundigte sie sich nach den Gefährtinnen. „Ja, aber das Affentempo mach ich nicht mit!“, nimmt Sabine zufrieden zur Kenntnis.

6:00 Uhr: Am ersten Verpflegungspunkt war Jens-Uwe ganz enttäuscht, denn Sabine ignorierte das reichhaltige Angebot komplett. Ein Schluck Wasser sollte genügen, denn die ersten Anstiege ließen bereits erahnen, was da auf den nächsten Kilometern kommen würde. Kurvig ging es in die dichten Wälder und mitunter war kein Vordermann mehr zu sehen. Für ein paar Kilometer schloss sich Jana vom Blau Weiß Hettstedt der Gaensefurther Läuferin an. Doch Sabine ließ sie am nächsten Berg wieder ziehen, denn Janas Einsatz ging nur bis zum ersten Staffelwechsel bei Kilometer 27.

7:30 Uhr: Der Regen sollte erst um die Mittagszeit einsetzen, Petrus hatte aber einen anderen Plan. Schnell füllten sich die unbefestigten Wege mit großen Pfützen und Jens-Uwe hatte seine Mühe das Rad durch den Schlamm zu fahren. An der nächsten Steigung drehten die Räder schließlich durch und die erste Schiebung des Tages nahm ihren Lauf.

8:00 Uhr: Dann endlich! Sabine war froh den letzten Ultraläufer eingeholt zu haben. Gerhard aus Schwaikheim quälte sich den Berg hoch und vertraute der Läuferin an, dass er es wahrscheinlich nicht schaffen werde. Zu viele Gehpausen hatte er schon eingelegt, man wird ihn wohl aus dem Rennen nehmen. Sofort tat es Sabine schon wieder leid, dass sie den Lauffreund nun eingeholt hatte und nur schweren Herzens aber mit aufmunternden Worten trennen sich die beiden wieder.

8:30 Uhr: Auf 700 Höhenmetern lag inzwischen der Kurs und am Wechselpunkt der Glasbachwiese hatte Jana den Chip für die Zeitmessung bereits an ihren zweiten Staffelläufer übergeben. „So einen heftigen Dauerregen hatten wir noch nie!“, versuchten sich die Helfer für das Wetter zu entschuldigen. Na toll, arbeitete es in Sabines Kopf und ausgerechnet in diesem Jahr musste sie den Thüringen Ultra ausprobieren? Mit müden Beinen resümierte Jens-Uwe: „Puh, ich bin ja jetzt schon fertig!“ Ein Ausruf, den Sabine lieber nicht gehört hätte, denn nun braute sich langsam ein Szenario zusammen, dass beinahe den ganzen Ausflug beendet hätte. „Fahr doch vor zum Wechsel und ruhe dich aus für die Laufstrecke, ich komme schon alleine klar!“ Aber Sabine wurde ihren Jens-Uwe nicht los.

8:45 Uhr: Hand in Hand schritt ein Pärchen den Beerberg hinauf. „Na wenn das nicht zusammenschweißt!“, konnte Sabine wieder nicht kommentarlos vorbeilaufen. Nicht viel weiter war Krista aus Siegen eingeholt. Sie berichtete vom Vorjahr und ihrer Erfahrung als Radbegleiterin: „Ich hatte mehr Muskelkater als mein Freund, der die 100 Kilometer gelaufen ist!“ Oh mein Gott – brodelt es in Sabine weiter. Auf was hatte sie sich da nur eingelassen? Genau - das Fahrrad am Wechsel deponieren und den Rest auch noch laufen, das war doch ein guter Plan. Aber Jens-Uwe ließ sich absolut nicht begeistern. Genervt brauchte er für ein paar Kilometer erstmal Abstand.

10:00 Uhr: Während sich viele Läufer mit Regenjacken vor der Nässe schützten, kam Sabine mit ihren kurzen Laufsachen gut zurecht. Wenig Stoff, der wenig nass machte. Der Regen war nicht kalt und bei der Endlosdusche fiel es auch überhaupt nicht auf, dass die Tränen schon wieder rollten. Viele Sportfreunde werden sich in der Heimat jetzt versammeln um einen alten Freund auf seinem letzten Weg zu begleiten. Wie gerne wäre sie doch dabei. Die Gedanken überschlugen sich, die Oberschenkel brannten und die nassen Schuhe an den Beinen folgten nur schwer den Kommandos aus der Leitzentrale. Man muss ein Buch schreiben, beschloss Sabine, um ihre Emotionen für die ganze Welt in Worte zu fassen. Verdammt, nicht aufgepasst, da war doch gerade ein Abzweig! "Jens-Uwe?", schrie es aus Sabine. Stille, nur der Regen und das Rauschen des Waldes. Zurück oder weiterlaufen? Zum Glück war die Wegmarkierung, ein großes gelbes "U" bald wieder zu sehen. Konzentration Sabine, jetzt nicht noch verlaufen!

10:40 Uhr: Ganz langsam rollte ein Radbegleiter an die Läuferin heran. Walter, der sportbesessene Senior vom Abend, der nur allzu gerne selbst diesen Lauf gelaufen wäre. „Kann man hier nicht mal in Ruhe heulen!“, beschwerte sich Sabine und begann von der Beerdigung zu erzählen. „Hey Walter, hörst du?“, sollte hinterfragen warum sich nichts regte unter der schwarzen Kutte, die Mütze bis tief in das Gesicht gezogen. Walter nickte. Er hatte gehört und er würde sicher nicht noch tiefer graben. Es ging bergab und Sabine kam schnell voran. Sie erzählte Walter noch von dem Plan das Fahrrad abzustellen und auch den Rest der Strecke zu laufen. „Warte ab, wir schaffen das schon!“, verabschiedete sich Walter.

11:00 Uhr: Es muss doch einen lieben Gott geben, denn genau um 11:00 Uhr schaute Sabine auf die Uhr: Mach`s gut Horst! Geh schon vor – wir bleiben noch ein bisschen… Vielleicht hätte er auch noch was aufschreiben sollen. Es geht zügig auf dem asphaltierten Mommelstein-Radweg an Kleinschmalkalden vorbei. Der 86 Meter lange und beleuchtete Hundsrücktunnel gehörte einmal zur ehemaligen Bahnstrecke und war eine kleine Attraktion auf der Laufstrecke.

11:57 Uhr: Wenn ein Ultra-Läufer sagt, es zieht sich, dann zieht es sich! Steffi hatte ja so Recht, doch in Floh-Seligenthal waren Sabines 54 Kilometer Geschichte. Eine erste Schmalzstulle musste als Belohnung reichen. Wichtig war jetzt erstmal, die nassen Sachen loszuwerden. Alles ab in die Tüte, die durchgelaufenen Socken gleich in den Müll.

12:18 Uhr: Die nassen Schuhe wieder an und ab auf die 46 Kilometer lange Radstrecke. Jens-Uwes Becher mit Cola schwappte, er zitterte wie Espenlaub. „Ich mache mich los, ich muss unbedingt warm werden!“, verabschiedete er sich. Sabines Bein hob sich schmerzlich über den Sattel und die erste Ausfahrt dauerte keine 200 Meter. Auf der nassen Wiese drehen die Räder durch, das gute Rad wurde gleich einmal geschoben. Gut, das Sabine nicht wusste, dass diese Schiebung ganze acht Kilometer andauern sollte. Das Rad mal links und dann mal rechts, das Unterhemd aus und bald auch die Jacke. Wo kamen nur diese vielen Schweißperlen noch her? Aufmunternde Worte der Ultras, die langsam wieder vorbeizogen und vor Mitleid fast mit geschoben hätten. „Bist du vorhin nicht gelaufen?“

Jegliches Gefühl für Zeit ging verloren. Ob Juliane und Elke schon ihren Sieg feierten? Würde Sabine ihren Jens-Uwe noch vor dem Ziel erreichen? Flop… Sabine kämpfte sich an den Vorläufer heran: „War das ein Bier?“ „Jepp, das war ein Bier!“, prostet Joe Kelbel dem verdutzt guckenden Gesicht zu. „Kannst du nachlesen: 100 Kilometer für ein Bier. Ich habe ein Buch darüber geschrieben!“ Gut, das musste Sabine erstmal verdauen. Scheinbar hatten schon einige Extremsportler diese Idee. Es wird kein Buch geben, beschloss Sabine. Aber alle Politiker, alle Ärzte, Lehrer, nein, jeder Mensch sollte einmal in seinem Leben so körperlich und mental an seine Grenzen gehen, dass ihm bewusst wird, wie kostbar unser bisschen Zeit auf dieser schönen Welt doch eigentlich ist. Wieviel vertrödeln wir davon und wie oft bleiben wir stecken und haben nicht den Mut und die Kraft daran was zu ändern…

14:00 Uhr?: Sabine hatte den nächsten Verpflegungspunkt erreicht, an dem ihr die Nachricht ihres Mannes verkündet wird, sie solle sich doch ein bisschen beeilen. Ja, dass konnte nur Jens-Uwe gewesen sein. Es käme nur noch mal ein kleiner Berg, dann wäre das Schlimmste überstanden. Für einen kurzen Moment ging es bergab und mit Erschrecken wurde der Verschleiß der Bremsbacken festgestellt. Vor dem Rennen erst erneuert, hatte Jens-Uwes Cross dem Material schon ordentlich zugesetzt. Am nächsten Verpflegungspunkt bekam Sabine eine ausführlich nette Einweisung für die Abfahrt. Absteigen und schieben, es wurden krasse Wurzelpfade und nasse Wiesen angekündigt. Vorsichtig und mit weichen Knien rutschte Sabine mit dem Rad den Abhang hinunter. Erst als das Hinterrad zu überholen droht, beherzigt die "ehemalige" Läuferin den Rat und schiebt das Gefährt unlustig neben sich her. Nun versperrte ein dicker Baum den Weg, doch ein aufgesprühtes Smiley entschuldigte auch das. Mit einem schlechten Gewissen vorbei an vielen Ultras, raste Sabine die nächsten fünf Kilometer durch den Spittergrund und landete in Tambach-Dietharz. Hier waren 68 Kilometer bewältigt, kein Jens-Uwe in Sicht, aber dafür Walter.

15:00 Uhr?: Walter erzählte von früher. Zusammen schob es sich leichter, denn es ging sofort wieder rauf zum Gänseberg. Auf den Abfahrten wurden Kilometer gut gemacht, aber Jens-Uwe war immer noch nicht zu sehen. Er wird die Berge laufen, ist sich Walter sicher, den würden wir nicht kriegen. Ein Zieleinlauf ohne Partner? Walter merkt schnell, dass Sabine Tempo machen will, für den erfahrenen Profi immer noch kein Problem. Ganz nebenbei lernte seine Weggefährtin das kleine 1x1 der Crossbiker.

16:01 Uhr: „Jubi, ich liebe dich!“, schrie Sabine schon von weitem und auch Jens-Uwe schien sich erleichtert zu freuen. Vergessen die krassen Abfahrten, die weichen Knie, zusammen ging es auf den letzten 15 Kilometern Richtung Ziel. Beim Blick zurück versteckten sich die Berge immer noch in dicken Regenwolken.

18:03 Uhr: Zieleinlauf nach 13 Stunden und der schönste Satz des Tages kam von Walter: „Sabine, du bist ein harter Knochen!“ Was für ein Ritt, was für eine Erfahrung! Ultra kann man, muss man aber nicht. Diesen Lauf hätte Sabine vielleicht schon viel eher machen müssen...

Autorin: Sabine Börner

Fotos: Jens-Uwe Börner, weitere Bilder folgen




Letzte Änderung: 26.07.2017
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